Die Sahara bei Erg Chigaga

Ich war noch nie in der Wüste und wusste nicht, dass man nach seinem Besuch einen großen Teil der Sahara mit sich zurück bringt und den Taschen wiederfindet – ob man dies möchte oder nicht.

Wir hatten den Preis für unsere Exkursion schon ausgehandelt und saßen beim Abendessen, als Christina in der Türschwelle stand, die nach einer Panne ihres Busses erst kurz vor der Dämmerung auf unserem Campingplatz nach einem Zimmer suchte. So waren wir zu dritt, die am nächsten Morgen mit unserem Auto nach Süden fuhren, um auf Tuchfühlung mit den Elementen der Wüste zu gehen.

Dies war der Plan:  Wir wollten unser Auto im Camp von Said abstellen und nach einem Dromedar-Ritt mit dem Geländewagen in die entfernten Dünen der Erg Chigaga fahren. Auf Said stießen wir am Ende von Tagounite, als er uns mit seinem Wagen überholte und stoppte. So richtig schien das mit der Anweisung „Said will find you – i will send him a description of your car“ nicht funktioniert zu haben, denn er war uns bereits einige Zeit gefolgt.

Wir kauften zwei 5-Liter-Flaschen Wasser im nächsten Laden für Gemischtwaren und folgten seinem weißen kleinen Renault R4 – in die Wüste. Überraschung! Das Camp war nicht wie angekündigt am Rande der Hauptstraße, sondern bereits 15 Minuten über eine Schotter- und Sandpiste abseits der Straße. Bei der Abfahrt bat er mich eindringlich auf seiner Spur zu bleiben, um nicht im lockeren Sand stecken zu bleiben und ich konnte es mir nicht verkneifen mir kurz etwas Luft über die unerwartete Offroad-Einlage zu machen. Die Entscheidung hätte ich gerne selbst getroffen.

Wir hielten an einer Gruppe Hütten neben einem Dünenfeld. An den Gebäuden kauten und dösten drei Dromedare. Der Willkommenstee stand auf dem Feuer, doch wir waren zu aufgeregt um viel Zeit in der kühlen Hütte zu verbringen. Die Tiere wurden aufgezäumt und wir begannen unseren schwankenden Ausritt. Nach einer dreiviertel Stunde ließen wir uns mitten in den Dünen aus dem Sattel gleiten, um eine Pause von der ungewohnten Schaukelei zu machen. Unter unseren Füßen lag nun diese faszinierende Menge Sand die sich in alle Himmelsrichtungen erstreckte. Unser Karawanenführer begegnete unser Begeisterung über unseren ersten Sahara-Sand mit einem kleinen Nickerchen bei seinen Tieren.

Auf dem Rückweg sah ich bereits aus der Ferne, dass neben unserem Auto nun auch ein weißer Geländewagen stand. Die Namen unserer beiden Begleiter – Fahrer und Begleiter – konnte ich während des Ausflugs noch im Wortlaut wiedergeben, wollen mir aber nun nicht mehr einfallen.

Die großen Dünen der Erg Chigaga liegen noch einmal 50 km von der nächsten Stadt M’Hamid entfernt und diese Strecke fuhren wir nun über die Pisten der Steinwüste nach Westen. Im Norden war stets eine felsige Erhebung am Horizont, die das Tiefland abgrenzt und zur Orientierung hilfreich ist. Flache Hügel wurden von mit einer gleichmäßigen Decke aus Steinen unterschiedlichster Farbe zu sandigen Gräben, in denen auch einige wenige Bäume und Sträucher Fuß fassen konnten.

Immer wieder zogen kleine Sandteufel über den Weg, deren Staub sich auf jede Oberfläche im Wagen, Kleidung und Haut legte.

Der erste Stopp war eine verlassene Oase, die sich am Wegesrand nur durch eine Ansammlung von Dattelpalmen und einer löchrigen Ummauerung verriet. In einem kleinen Loch sprudelte Wasser durch eine Schicht aus Sand und Erde und floss in einem kurvigen Bach in die Oase, um dort wieder von Pflanzen und Sonne geschluckt zu werden. Erst später habe ich gelesen, dass es sich dabei um eine heilige Oase (L’Oasis sacrée d’oum Lâalag) handelt, die Teil eines Nationalparks ist und am Weg nach Timbuktu liegt. So weit hat der Austausch mit unserem Führer leider nicht gereicht.

Bis kurz vor der Oase hatten wir noch kein anderes Fahrzeug gesehen – nur einzelne Hirten, die ihren Ziegen durch die kargen Vegetationsstreifen folgten. Erst kurz vor dem Ziel kreuzten auch andere Besucher der Wüste unseren Weg.

Am Fuße der Erg Chigaga stand unser Lager gleich hinter den ersten Ausläufern der Dünenlandschaft. Als wir eintrafen mussten unsere beiden Schlafhütten und die Gemeinschaftseinrichtung noch aus ihrem „Winterschlaf“ geholt werden, während wir bereits auf den ersten Sandberg kletterten. Jede Öffnung war mit einer schweren Decke vor dem Eindringen von Sand geschützt und ein Pickup mit Tank lieferte frisches Wasser für das Sanitärzelt.

Ich hatte als Gepäck meinen gesamten Fotorucksack mitgebracht und mich in Gedanken bereits vom perfekten Zustand einiger seiner Bestandteile verabschiedet, die ich mit in die Wüste nehmen wollte. Was nützen einem schon Objektive, wenn man sie in einem solchen Moment nicht in die Hand nehmen möchte?

Am Abend nahmen unsere drei Camp-Begleiter die traditionellen Instrumente in die Hand und spielten bzw. improvisierten einige Stücke. Wir konnten uns spontan nur mit einem Weihnachtslied und Fool’s Gardens Lemon Tree revanchieren. Der Sternenhimmel mit Milchstraße thronte über unseren Köpfen – der Mond war noch nicht aufgegangen. Ein toller Moment so weit entfernt von jeder Siedlung nach Oben zu sehen.

Ich habe versucht den Moment mit der Kamera festzuhalten, aber, wie ich daheim feststellte, hätte ich unter den Bedingungen bessere Arbeit leisten können. Die Bilder werden dem Eindruck dieser Nacht nicht gerecht. Kaum hatte ich es mir mit Stativ gemütlich gemacht, zog sich der Mond über den Horizont und verdrängte mit leuchtender Kraft die Sterne auf seiner Himmelshälfte.

Am nächsten Morgen weckten wir uns vor dem Sonnenuntergang und stiegen wieder auf die höchste zu erreichende Düne, um von dort zu beobachten, wie die wachsenden Schatten der Fläche aus Sand wieder eine räumliche Struktur entlockte.

Nach dem Frühstück wurde das Lager wieder für die nächsten Gäste eingemottet und alles im Jeep verstaut. Auf dem Rückweg hielt der Jeep an einem Kindergarten für Dromedare an einem Brunnen. Anders als den männlichen Tieren wird die Freiheit der Jungtiere und Mütter nicht durch Fußfessel eingeschränkt. Man hätte uns auch frische Milch angeboten, hätte sich die Herde an dem Tag ausgiebiger am Wasser bedient. 

Am frühen Nachmittag kam unser eigenes Auto wieder in Sicht – unversehrt, trotz viel Sand in der Luft. Wahrscheinlich hatte der Schmutz der ersten beiden Wochen als Schutzschicht ausgereicht.

Nach einem letzten Tee verabschiedeten wir uns von Said und folgten dem Jeep zurück auf die befestigte Straße nach Zagora, auf der bemerkenswert große Mengen Sand kreuzten. Jede Windböe war auch im Innenraum durch ein Prasseln auf dem Blech zu hören. 

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