25 Quellen und die Pâul de Serra

Was uns an ersten Tag mit Mietwagen durch die Sperrung der Straße am Encumeada-Pass verwehrt worden war, wollten wir heute nachholen. Die Straße von Calheta hoch nach Rabacal hätte unser Panda fast nicht gepackt. Nur mit vielen netten Worten und intensivem Gebrauch des ersten Ganges kamen wir am Startpunkt der „25 Quellen“-Tour mit Abstecher zum Risco-Wasserfall an.

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Dort waren wir in bester Gesellschaft, denn die Wanderung steht auf jeder Werbebroschüre an erster Stelle. Die Wege sind breit und mit etwas Glück hat man an der Quelle sogar die Chance auf ein schönes Bild ohne rastende Wanderer. Das Ausweichen auf den engen Passagen ist manchmal eine akrobatische Einlage, bei der man sich mit gespreizten Beinen über der Levada wiederfindet.

 

Da wir nun schon in der Nähe des Paûl de Serra waren, folgten wir weiter der Straße durch das fast menschenleere Hochmoor, von dem sich das Wasser in alle Richtungen in die Quellen der Levadas ergießt. Wir hatten offensichtlich einen magischen Tag erwischt, denn statt fegender Wolken wurden wir von Weitsicht in Empfang genommen. Die Ebene mit ihren Windkraftanlagen lag unter blauem Himmel, die Wolkendecke umgab die Ebene auf allen Seiten – nur die drei höchsten Berge im Osten steckten gelegentlich ihre Spitzen hervor.

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Ich konnte mich auf der Aussichtsplattform am Pico Ruivo do Paul in mitten der Farn- und Ginsterwiesen gar nicht satt sehen und wäre wahrscheinlich bis zur Dämmerung dort geblieben, hätte der Hunger uns nicht wieder an die Küste gezogen.

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Porto Moniz

Dieser Tag sollte nach unserer Gipfeltour eine Zeit der Erholung werden. Wir wollten den Nordwesten von Madeira mit dem Auto erkunden und nur von Parkplätzen einige Schritte an die Klippen und Küsten spazieren.

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Wir fuhren quer über die Insel, um in Porto Moniz im Naturbecken einige Runden zu schwimmen und dabei die Fische zu beobachteten, die bei hohem Wellengang über den Rand der Becken schwappen. Eines der beiden Becken liegt dem Meeresspiegel näher und wird von jedem Madeira-Besucher einmal während des Urlaubs angesteuert. Inklusive Freibad-Atmosphäre am heißesten Tag des Sommers. Wir wählten das kleinere zu einem Restaurant gehörende Becken, das allerdings sehr verwinkelt ist. Schnell hinein in das Salzwasser und wieder hinaus, sobald sich die Parkplätze mit den  krebsroten Sonnenanbetern füllen.

In Achadas da Cruz folgten wir den Schildern zum einem Aussichtspunkt auf der Klippe, von dem eine Seilbahn einige hundert Meter bis hinunter zum Steinstrand fährt. Unten konnte man kleine schrebergarten-artige Abschnitte erkennen in denen Gemüse wuchs. Wir hatten uns eine solche Abfahrt für einen anderen Tag vorgenommen und folgten der Küstenstraße weiter nach Ponta do Pargo – Heimat von Madeiras schönstem Leuchtturm, sagt unser Reiseführer. Die Aussicht war klasse, das Informationszentrum zu den Leuchttürmen der Insel eher uninteressant.

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Die Sonne stand noch hoch am Himmel, als wir mit unserem Vorsätzen brachen und eine Wanderung oberhalb von Ponta do Sol in Angriff nahmen. Auf dem Weg zum Einstieg kam uns eine Blaskapelle auf dem Weg zur Dorfkirche entgegen. Die Wanderung folgt einer Levada tief in ein Tal an der Südwestküste, wo man auf einen Wasserlauf einige Meter tiefer wechselt und dort die Gegenrichtung antritt. Im Tal verläuft eine Schotterpiste, die von einem Abschnitt absurd gut ausgebauten vierspurigen Straße abzweigt, die ohne jedes anliegendes Haus keinen Zweck zu erfüllen scheint. Daneben fließt das Rinnsal, was auch die obere Levada als Quelle speist. In der Gegend wird Zuckerrohr angebaut, welches zu beiden Seiten des Weges wächst. Drei Stunden entspanntes Gehen mit optionaler Dusche am Wasserfall, wenn sich die Beine nicht noch zu gut an den Vortag erinnern können.

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Selfie!

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Im Gepäck habe ich einen, aus einem defekten Stativ günstigster Bauweise gebauten, Selfiestick. Gekauft ist albern – DIY vielleicht gerade noch akzeptabel? So stehen wir nun an abgelegenen Orten und versuchen die wenigen Bilder zu schießen, auf denen man uns beide sieht und die aus diesem Grund später ins Fotoalbum wandern.

Das Dach von Madeira

Die Königstour, wie sich unser Wanderführer ehrfurchtsvoll ausdrückt, verbindet die drei höchsten Erhebungen der Insel Pico Arieiro, Pico das Torres und Pico Ruivo.

Wir standen eine Stunde früher als bisher auf und verwendeten die ersten beiden Gänge unseres Pandas, um den Parkplatz am Pico Arieiro auf 1818 m zu erreichen. Die letzten Kilometer fuhren wir in einer dicken weißen Suppe, aus der sich jede Kurve erst wenige Meter voraus löste. Der Wind blies die Wolken über die karge Landschaft. Denkt man sich ein paar Pflanzen weg, könnte man die Szenerie mit ihrer roten Erde auch auf den Mars verlegen.

Der Weg ist sehr anspruchsvoll von den Höhenunterschieden, aber ganz ordentlich gesichert – außer man rutscht nach vorne den Abhang hinunter. 🙂 Die ganze Strecke dauerte mit einer Menge Fotos und wohlverdienter Verschnaufpause am Pico Ruivo 7 1/2 Stunden – den Rückweg bereits eingerechnet. Unterwegs teilt sich der Weg um den Pico das Torres in eine kürzere Strecke mit einigen Tunneln und einen großen Bogen mit sehr sehr vielen Stufen. Auf dem Papier sind es nur 1,5 km Unterschied, aber gerade das Auf und Ab kostet viel Kraft. Wir wählten die lange Stecke für den Hinweg und wollten es erst auf dem Rückweg etwas schneller haben.

Als sich die Wege wieder kreuzten stießen wir auf ein, wie mir ein Gruppenführer erzählte, seit über vier Jahren existierendes Provisorium. Dieses umgeht eine weggebrochene Passage, an die wir uns zuvor noch über eine Warnabsperrung hinweg herangetastet hatten. Inzwischen hatte uns eine geführte Tour auf dem schnellen Weg eingeholt, die sich auf dem neuen und mit steilen Eisenleitern ausgeführten Pfad Zeit ließ. Erst an einer Raststelle auf einem kleinen Plateau konnten wir und andere Individualwanderer passieren. Nun stand nur noch der letzte Aufstieg bevor.

Ganz oben kurz vor dem Gipfel der Insel steht tatsächlich eine kleine Berghütte, in der ungekühlte Getränke verkauft werden. Hier treffen auch noch zwei andere Wege aus unterschiedlichen Himmelsrichtungen aufeinander. Die letzten Stufen sind als 200m ausgeschildert, ziehen sich aber sehr bis zur Spitze.

An diesem Tag brach just in diesem Moment und auf dieser Höhe die Wolkendecke in einer Richtung auf und wir konnten endlich sehen, durch welch zerklüfteten Landschaften wir uns gekämpft hatten. Die unterschiedlich stark erodierten vulkanischen Schichten, lassen ein Panorama aus Kanten, Klippen und tiefen Tälern zurück, durch das die Wolken ziehen. Der eigene Kopf scheint an höchster Stelle so gerade eben aus der Watte zu ragen.

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Der Rückweg war so ermüdend, wie wir ihn uns vorgestellt hatten. Aber bei viel besseren Sichtbedingungen war jeder Abschnitt wieder neu für uns. Nach der Wegzusammenführung vor dem Aufstieg trafen wir auf ein Paar aus Karlsruhe, das mit Wanderurlaub-Erfahrung und der Energie des vorletzten Urlaubstages, unsere letzten Kraftreserven und Ehrgeiz weckte. Im Gespräch vertieft kann man sich nicht einfach hechelnd in den Hang legen. Zu zweit hätten wir bestimmt einige Male öfter gerastet. So war es ein gesundes klettern und warten und quatschen.

Mit zitternden Beinen betraten wir schließlich wieder den Parkplatz am Arieiro, wo sich die Wolken noch immer festgebissen hatten und verabschiedeten uns.

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Auf der Rückfahrt suchten wir uns, ein noch unbekanntes neues Dorf am Meer aus und fanden in Câmara de Lobos einen netten Platz für das Abendessen. Andrea nutzte die Gelegenheit noch für eine Sprung ins Hafenbecken, als das Salzwasserbad schon die Pforten schloss.

Encumeada-Pass

Wir durften unseren Mietwagen für die zweite Woche Madeira erst am Nachmittag am Flughafen abholen, um ihn rechtzeitig zum Abflug auch dort wieder abgeben zu können. Wir hätten uns den Weg auch sparen und den Wagen vor das Hotel liefern lassen können – wussten wir aber nicht. 🙂

Also lagen wir in der Sonne am Strand auf einer Liege – Buch in der Hand, Handtuch auf dem Kopf – und vertrieben uns die Zeit bis zu unserem Mobilitätszuwachs. So macht man wohl richtig Entspannungsurlaub, wie wir gerüchteweise hörten.

Fiat Panda in weiß mit zuwenig PS. Wieviel? Ich traue mich nicht in die Papiere zu schauen. Wir haben Großes, bzw. Hohes mit ihm vor. Mag es auch seinem Charakter nicht entsprechen, er muss in den kommenden Tagen so einige Berge erklimmen, denn nun stehen die Wanderrouten auf dem Programm, die nicht oder kaum mit dem Bus erreichbar sind. Dafür müssen wir natürlich immer auch den Rückweg einplanen.

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Also fuhren wir gleich in die Berge und von Südosten zur einzigen gesperrten Straße der Insel, so dass unser Ziel nicht mehr erreichbar war. Zum Glück haben wir ein Büchlein mit anderen tollen Touren immer dabei.

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Dies führte uns von Boca da Encumeada entlang der Levada do Norte ohne jede Steigung zu einem (Zitat) „ansehnlichen Wasserfall“. Allerdings war dabei ein 600m langer und für meinen Geschmack an einigen Stellen mit einem sehr schmalen Steg versehener Tunnel zu durchqueren. Taschenlampe auf den Boden gerichtet voraus, in Gänseschritten hinterher und nicht daneben treten oder an der Wand hängen bleiben, sonst steht/liegt man bis zum Knie/Brust mit seinen Kamotten und Geräten im kalten Strom. Also die Augen weit auf und durch! Zurück war es weitaus entspannter. Unterwegs traf ich ein garstiges wildes Huhn, das mir sehr rabiat einen Blätterteigkeks aus der fütternden Hand riss und in einem Busch verschwand.

Als Belohnung gab es am Strand von Ribeira Brava den ersten guten Sonnenuntergang beim Abendessen zu sehen.

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Auf dem Meer

Am Montag hatten wir uns für Mittwoch Nachmittag zwei Plätze auf einem Katamaran im Hafen von Funchal reserviert, um mit 16 Anderen auf Delphin- und Waltour zu fahren. Die Zeit davor nutzen wir, um all die schönen Forts, Gärten und Friedhöfe abzulaufen, die uns am Samstag verschlossen geblieben waren. Etwas die Hügel hinauf und hinunter, aber keine sportliche Höchstleistung, denn die letzte Levada-Wanderung, bzw. der Abstieg war noch deutlich zu spüren.

Am Hafen wurden die Touristen in 100+ Personengruppen auf große Schiffe verladen, während wir in der kleinen Gruppe zwar hinterher schipperten, aber uns ausstrecken konnten. Gleich zu Beginn tauchte eine Gruppe mit drei großen Tümmlern in einiger Entfernung auf, die bald beidrehten. Dann wurde es still auf dem Boot, jeder döste vor sich hin, bis wir zum geplanten Schwimmplatz getuckert waren. Der Himmel war für den Meisten wohl zu bedeckt, denn es sprangen neben uns nur zwei weitere Damen für ein paar Minuten ins Wasser.

Zurück ging es an der Küste vorbei an den vielen Hotels im Westen der Stadt mit ihren eigenen Badeanstalten unter ihnen. Zum Abend fanden wir ein indisches Restaurant oberhalb der Uferpromenade, um etwas Abwechslung in den Speiseplan von uns Meeresfrüchte-Verweigerern zu bekommen.

Der Maracujaweg

Der Ruf nach einem weiteren Tag Wandern entlang einer Levada (dieses Mal die Levada dos Tornos) führte uns zunächst wieder nach Funchal, wo wir die große Markthalle aufsuchten, die beim unserem letzten Besuch geschlossenen hatte. Passend zum Titel der heutigen Wanderung wollten wir uns mit Früchten eindecken. Man wäre allerdings mit dicker Haut und deutlichem „Nein danke“ auch ohne Kauf wieder heraus gekommmen und hätten trotzdem von allen lokalen Spezialitäten probieren können. Wir hatten letztendlich von drei Maracujasorten, Baumtomate, Kaktusfeige und Bananenananas jeweils ein Exemplar im Rucksack. Letztere Frucht muss noch einige Tage nachreifen, bevor sie essbar wird. Hoffentlich vor unserem Abflug.

Ein weiterer Bus brachte uns nach Camacha, der Korbflechterstadt, die Startpunkt unseres Weges sein sollte. Wir trafen an der Levada den ganzen Tag nur eine einzige Gruppe Wanderer in Gegenrichtung, dafür war immer wieder mal jemand in den Gärten, Plantagen und Felder beschäftigt. Gleich zu Beginn kam auch das erste Mal unsere Taschenlampe in einem Levadatunnel zum Einsatz – weitere, weitaus feuchtere sollten folgen.

Bald hingen auch die ersten Früchte der Bananen-Maracuja am Wegesrand. Plage für die einheimischen Wälder und doch Lieferant von sehr leckeren Früchten. Im späteren Verlauf des Tages fanden wir eine reife Frucht in erreichbarer Entfernung abseits jeder Zivilisation und konnten Marktware mit Wildtyp vergleichen – nahezu identisch.

Jede Sorte Maracuja hat wirklich sowohl vom Geschmack als auch von der Form Ähnlichkeit mit der Frucht die ihr im Namen vorran gestellt wird – Orange, Banane, Lemon – ein Wunder der Züchtung.

Unterwegs auf Höhe der Wolken hatten wir gegen Ende mit der sonderbaren Mischung aus strahlendem Sonnenschein bei stärkerem horizontalem Nieselregen zu schaffen. Ohne Regenjacke wurde alles klamm und bei lauen Lüftchen kühl, doch unter der Plastikjacke wurde es sofort so warm, dass man lieber das Wasser von Oben am Körper hatte.

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Aus praktischen Gründen wandelten wir den Weg ab, verließen die Levada vor dem finalen Wasserfall in der Nähe der Sitios das Quatro Estradas und folgten einer steilen Straße hinunter nach João Ferino, nahe Santa Cruz, unserer Heimatbasis. Der Weg über einen Bergrücken bergab bei rutschigem Asphalt beansprucht die Beine fast mehr als der lange Marsch entlang der Wasserkanäle. Dafür gab es wieder eine tolle Aussicht auf Santa Cruz und einige Landungen am Flughafen. Das Ganze unter einem spektakulären Regenbogen (Double Rainbow! 😂) bei dem der Topf Gold zum Greifen nahe war.

Levada in Richtung Porto da Cruz

_DSC0187Der Bus brachte uns an den Aufstieg zum Pico do Facho, wo wir unsere erste Levada-Wanderung begannen. Diese schmalen Wasserkanäle durchziehen die ganze Insel, schmiegen sich mit sanftem Gefälle an die Hänge, bewässern je nach Bedarf die Gemüsefelder unterhalb und eignen sich sehr gut dazu, neben ihnen gehend Orte abseits der großen Straßen zu entdecken. Auf den Feldern wachsen in kleinen mit Mauern begradigten Parzellen Mais, Kohl, Zucchini, Kürbisse und jede Menge kniehoher Wein, der jetzt im August nur noch ein paar Wochen bis zur Reife benötigt.

An einer Abzweigung verlassen wir das Wasser und steigen an einer kleinen Brandrodung vorbei hinauf zum Boco do Risco, wo wir den Grad überschreiten und mit einem Mal freie Sicht auf die steile Küste zwischen Porta da Cruz im Westen und der Halbinsel Sao Lorenco im Osten haben. Der Pfad führt durch einen Wald von Lorbeer- und Eukalyptus-Bäumen, bis sich dieser ausdünnt und nur noch der freie Blick hinunter zur Küste übrigbleibt. Nur ein Schritt und 300m taumelnder Fall entfernt. Eine gewisse Schwindelfreiheit und Vertrauen in seine Beine sollte man also im Gepäck haben. Belohnt wird man mit atemberaubenden Ausblicken an jeder Biegung.

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Irgendwann wird der Pfad wieder zum Weg und Porta da Cruz liegt mit seinem schwarzen Strand unterhalb. Es geht wieder durch Weinfelder an Levadas hinab. Wie mieden an diesem Sonntag das überfüllte Strandbad und warfen uns gleich am Fuße des Berges in die Wellen, um bedeckt mit klebendem schwarzen Stand wieder hinaus zu steigen. Den wird man erst an der Stranddusche wieder los.

Die Busfahrt zurück an die Südostküste ist eine Attraktion für sich. Die Straße schlängelt sich in absurd vielen und steilen Biegungen bis hoch nach Portela. Der Reisebus hupt vor jeder Kurve und fährt dann doch mit hoher Geschwindigkeit hinein, um gelegentlich von Gegenverkehr überrascht zu werden. Dann geht es auf der anderen Seite auf gleiche Art und Weise wieder hinab.

 

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